Ein rechter Sticker am Laternenmast, ein rassistischer Spruch in der Kneipe, ein Angriff auf queere Menschen oder ein Aufmarsch in der Innenstadt: Gegen rechts aktiv werden in Koblenz heißt, solche Momente nicht als Einzelfälle abzutun. Es heißt auch nicht, dass jede:r sofort eine große Kampagne organisieren muss. Entscheidend ist, dass wir nicht wegschauen, uns zusammentun und aus Haltung eine verlässliche Praxis machen.
Rechte Ideologien greifen Menschen an, die längst Teil unserer Nachbarschaften, unserer Freundeskreise, unserer Bands und unserer Kultur sind. Sie richten sich gegen Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung, geschlechtlichen Identität, Behinderung oder politischen Haltung. Wer ihnen etwas entgegensetzt, verteidigt nicht irgendein abstraktes Prinzip. Wir verteidigen die Möglichkeit, frei, sicher und verschieden zu leben.
Gegen rechts aktiv werden in Koblenz beginnt im Alltag
Nicht jede Situation verlangt dieselbe Reaktion. Wenn jemand im Bus beleidigt wird, kann es schon viel verändern, sich dazuzustellen, nachzufragen, ob Hilfe gebraucht wird, und andere Fahrgäste direkt anzusprechen. Ein klares „Das ist nicht okay“ kann eine Grenze ziehen. Gleichzeitig gilt: Die Sicherheit betroffener Menschen und die eigene Sicherheit gehen vor. Bei Bedrohung oder Gewalt ist es richtig, Unterstützung zu holen, Zeug:innen anzusprechen und im Notfall die Polizei zu rufen.
Auch scheinbar kleine Dinge haben Wirkung. Rechte Propaganda im öffentlichen Raum soll Normalität herstellen. Dokumentiere Aufkleber oder Schmierereien, wenn das gefahrlos möglich ist, und melde sie zuständigen Stellen oder lokalen Initiativen. Entferne Material nur dort, wo du dich sicher fühlst und nichts beschädigst. Wichtiger als ein einzelner Sticker ist, dass rechte Präsenz nicht unwidersprochen bleibt.
Im Freundeskreis, in der Familie oder im Proberaum braucht es ebenfalls Klarheit. Nicht jede falsche Behauptung muss in eine stundenlange Debatte münden. Aber rassistische, antisemitische, queerfeindliche oder verschwörungsideologische Aussagen sollten nicht unwidersprochen stehen bleiben. Nachfragen kann helfen: „Was meinst du damit konkret?“ Dann folgt die Grenze: „So eine Abwertung akzeptiere ich nicht.“ Wer betroffen ist, darf sich dabei nicht in die Rolle gedrängt fühlen, ständig Aufklärungsarbeit leisten zu müssen. Solidarität heißt auch, diese Arbeit nicht allein denjenigen zu überlassen, die angegriffen werden.
Haltung wird stärker, wenn sie organisiert ist
Allein gegen rechte Netzwerke, Einschüchterung und menschenfeindliche Erzählungen anzukämpfen, kann zermürben. In Koblenz gibt es engagierte Menschen, Gruppen und Zusammenhänge, die Wissen teilen, Aktionen vorbereiten, Betroffene unterstützen und demokratische Räume verteidigen. Such dir einen Ort, an dem du nicht nur konsumierst, sondern mitgestalten kannst.
Das kann eine antifaschistische Initiative, ein Bündnis gegen Diskriminierung, ein queerer Treffpunkt, eine migrantische Selbstorganisation, eine Gewerkschaft, ein Jugendzentrum, ein Sportverein oder ein Kulturkollektiv sein. Welcher Rahmen passt, hängt davon ab, was du einbringen kannst und möchtest. Manche organisieren große Kundgebungen. Andere kümmern sich um Awareness, gestalten Plakate, kochen für Veranstaltungen, fahren Material, machen Social Media, übersetzen Texte oder führen Kasse. Politische Arbeit braucht nicht nur die lautesten Stimmen, sondern viele verlässliche Hände.
Gerade bei Demonstrationen und Kundgebungen zählt Vorbereitung. Informiere dich vorab über Treffpunkt, Ablauf und mögliche Anreise. Geh nach Möglichkeit nicht allein, verabrede einen Rückweg und nimm ausreichend Wasser mit. Respektiere Absprachen der veranstaltenden Gruppen und achte auf Menschen, die sich unwohl oder bedroht fühlen. Fotos können im Zweifel andere gefährden – frage nach, bevor du Gesichter veröffentlichst.
Kultur ist kein Nebenkriegsschauplatz
Kulturorte sind Orte, an denen Menschen sich begegnen, ausprobieren und sichtbar werden. Genau deshalb sind sie für eine demokratische Stadt so wichtig. Ein Konzert, eine Lesung, eine Party oder ein Festival wird nicht automatisch politisch, weil auf der Bühne ein Banner hängt. Politisch wird Kultur dort, wo sie Zugänge schafft, Diskriminierung nicht duldet, faire Bedingungen organisiert und Menschen Raum gibt, die sonst an den Rand gedrängt werden.
Für Veranstalter:innen bedeutet das: klare Hausregeln formulieren, ein Awareness-Konzept mitdenken und Ansprechpersonen benennen. Beim Booking lohnt es sich, bewusst vielfältig zu planen, statt immer dieselben Netzwerke zu reproduzieren. Bei Sprache, Toiletten, Zugängen und Preisen gibt es keine perfekte Lösung für alle Situationen. Aber es gibt die Entscheidung, Barrieren ernst zu nehmen und Kritik nicht als Angriff zu behandeln.
Auch Publikum trägt Verantwortung. Unterstütze Orte, die Haltung zeigen. Kauf Tickets, hilf beim Aufbau, bring Freund:innen mit, spende für Soli-Veranstaltungen oder frag nach, wo gerade Unterstützung gebraucht wird. Wenn Kultur nur nach Reichweite und Umsatz bewertet wird, verlieren kleine, unbequeme und solidarische Projekte zuerst. Dabei sind genau diese Räume oft das Fundament einer lebendigen Stadt.
Latscho Koblenz e.V. steht für diese Verbindung aus Kultur, Infrastruktur und demokratischem Engagement. Wenn Bands, Kollektive und Initiativen Technik, Mobilität, Proberäume, Förderung oder organisatorische Unterstützung bekommen, entsteht mehr als ein einzelnes Event. Es entstehen Strukturen, in denen unabhängige Kultur nicht vom guten Willen einzelner abhängt.
Nicht nur reagieren, sondern Räume schaffen
Rechte Akteur:innen profitieren davon, wenn öffentliche Debatten nur aus Angst, Empörung und Dauerreaktion bestehen. Deshalb ist es genauso wichtig, eigene Räume zu schaffen: für Musik, Bildung, Erinnerung, Begegnung und gegenseitige Hilfe. Eine Stadt, in der Menschen sich kennen und füreinander einstehen, ist weniger anfällig für die Erzählung, man müsse andere ausgrenzen, um selbst dazuzugehören.
Vielleicht fehlt deinem Kollektiv ein Raum für eine Veranstaltung. Vielleicht braucht eine Band Geld für einen Auftritt, bei dem der Eintritt solidarisch gestaltet wird. Vielleicht gibt es eine Initiative mit einer guten Idee, aber ohne Technik, Transport oder Menschen für die Tür. Frag konkret nach Bedarfen und biete konkret an, was du leisten kannst. „Meldet euch, wenn ihr was braucht“ ist nett. „Ich kann am Samstag den Transport übernehmen und zwei Stunden beim Einlass helfen“ bringt ein Projekt weiter.
Finanzielle Unterstützung ist ebenfalls politisch. Wer regelmäßig einen kleinen Betrag spendet, Fördermitglied wird oder Soli-Events besucht, hilft dabei, dass wichtige Arbeit planbar bleibt. Gemeinnützige Strukturen können nicht allein von Idealismus leben. Sie brauchen Miete, Material, Technik, Honorare und Zeit. Solidarität zeigt sich auch darin, dass wir diese Kosten nicht unsichtbar machen.
Wenn Konflikte kompliziert werden
Es gibt keine Einheitsantwort auf rechte Vorfälle. In manchen Situationen hilft ein ruhiges Gespräch, in anderen braucht es einen klaren Ausschluss. Ein Verein oder Kulturort muss abwägen, wie er Betroffene schützt, Vorfälle dokumentiert und handlungsfähig bleibt. „Wir wollen unpolitisch sein“ ist dabei keine neutrale Position, wenn Menschenfeindlichkeit im Raum steht. Neutralität kann denjenigen helfen, die bereits Macht ausüben oder Angst verbreiten.
Gleichzeitig muss nicht jede Person alles können. Wenn du unsicher bist, hol dir Wissen und Unterstützung. Sprich mit erfahrenen Gruppen, bilde dich zu Antisemitismus, Rassismus, rechter Gewalt und Diskriminierung fort. Hör den Perspektiven von Betroffenen zu, ohne von ihnen fertige Lösungen zu erwarten. Fehler passieren. Entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen, daraus zu lernen und nicht beim ersten Gegenwind wieder leise zu werden.
Dein nächster Schritt zählt
Gegen rechts aktiv werden in Koblenz muss nicht erst beim nächsten großen Aufmarsch beginnen. Geh zu einer Veranstaltung, die klare Haltung zeigt. Unterstütze ein Kollektiv mit Zeit, Geld oder Material. Sprich eine Person an, die nach einem diskriminierenden Vorfall allein dasteht. Bring das Thema in deinen Verein, deine Band oder dein Team. Und wenn du schon aktiv bist: Nimm jemanden mit, der bisher nur dachte, er oder sie könne ohnehin nichts bewirken.
Eine offene Stadt entsteht nicht durch einen guten Slogan. Sie entsteht, wenn wir einander Platz machen, Grenzen gegen Menschenfeindlichkeit ziehen und die Infrastruktur aufbauen, die solidarisches Handeln möglich macht. Fang dort an, wo du bist – und mach es gemeinsam mit anderen.
