Ein Festival ist nicht solidarisch, weil es ein gutes Line-up hat oder ein Awareness-Team auf dem Plakat steht. Solidarität zeigt sich dort, wo Geld verteilt, Verantwortung getragen, Konflikte bearbeitet und Zugänge geschaffen werden. Dieser Leitfaden für solidarische Festivalplanung richtet sich an Kollektive, Bands, Initiativen und Veranstalter:innen, die nicht einfach die nächste Party produzieren wollen, sondern Orte, an denen Menschen sicher feiern, sich organisieren und Kultur selbst gestalten können.
Solidarität beginnt vor dem ersten Booking
Die entscheidenden Fragen stehen am Anfang: Für wen machen wir dieses Festival? Wer kann mitentscheiden? Wer wird mitgedacht, obwohl diese Person nicht im Orga-Chat ist? Und wer bleibt draußen, wenn wir nichts ändern? Ein solidarisches Festival versteht sich nicht als Produkt für ein Publikum, sondern als gemeinsamer Raum. Das verändert Planung, Budget und Kommunikation.
Schreibt eure Haltung auf, bevor ihr Acts anfragt oder Tickets gestaltet. Ein kurzer, verständlicher Rahmen reicht: keine Diskriminierung, kein Platz für rechte Ideologien, klare Grenzen bei übergriffigem Verhalten, faire Bezahlung und möglichst niedrige Hürden für Teilhabe. Wichtig ist nicht, besonders perfekte Formulierungen zu finden. Wichtig ist, dass diese Prinzipien später Entscheidungen tragen – auch dann, wenn es stressig wird oder Geld knapp ist.
Beteiligt Menschen frühzeitig, die unterschiedliche Erfahrungen mitbringen. Das kann bedeuten, lokale migrantische Initiativen, queere Gruppen, Menschen mit Behinderung, Nachbarschaftsprojekte oder andere Veranstalter:innen an einen Tisch zu holen. Beteiligung darf dabei keine dekorative Beratung sein. Wer Wissen einbringt, braucht Einfluss auf die Entscheidung und, wenn möglich, eine Vergütung.
Ein Budget, das Arbeit und Risiken fair verteilt
Viele DIY-Festivals entstehen aus viel unbezahlter Energie. Das ist verständlich, aber kein dauerhaft tragfähiges Modell. Wenn einzelne Menschen immer Aufbau, Fahrten, Buchhaltung, Kommunikation und Konfliktarbeit schultern, während andere nur am Abend auftauchen, entsteht auch innerhalb der eigenen Struktur Ungleichheit.
Plant deshalb nicht nur Gagen, Technik und Getränkeeinkauf ein. Rechnet Arbeitszeit, Fahrtkosten, Verpflegung für Helfende, Kinderbetreuung, Übersetzung, Barrierefreiheit, Reinigung, Security oder Awareness-Schichten mit. Nicht alles lässt sich sofort bezahlen. Aber unsichtbare Arbeit sichtbar zu machen, ist der erste Schritt, sie gerechter zu verteilen.
Faire Gagen bedeuten nicht automatisch, dass jede:r exakt denselben Betrag erhält. Eine lokale Solokünstlerin mit wenig Aufwand hat andere Kosten als eine Band, die mit fünf Personen und Transporter anreist. Entscheidend sind nachvollziehbare Kriterien: Aufwand, Besetzung, Reisekosten, Produktionskosten und finanzielle Lage des Festivals. Kommuniziert offen, was möglich ist und was nicht. Unklare Versprechen sind keine Solidarität.
Auch beim Eintritt lohnt sich ein genauer Blick. Soli-Preise, ermäßigte Tickets und ein begrenztes Kontingent kostenloser Eintritte können Zugänge schaffen. Sie funktionieren aber nur, wenn sie ohne Rechtfertigungsdruck nutzbar sind. Niemand sollte an der Kasse seine Armut erklären müssen. Wenn ihr mit einem Richtpreis arbeitet, erklärt transparent, wofür Mehreinnahmen eingesetzt werden – etwa für faire Honorare oder ein kostenloses Ticketkontingent.
Kooperation statt Verwertung
Lokale Partner:innen sind mehr als günstige Dienstleister:innen. Fragt euch bei Getränken, Essen, Druck, Technik und Mobilität: Wer profitiert von unserem Budget? Könnt ihr mit kleinen Gastronomien, sozialen Projekten, regionalen Höfen oder befreundeten Kollektiven arbeiten? Nicht jede Kooperation ist automatisch gut, nur weil sie lokal ist. Aber kurze Wege, faire Absprachen und gegenseitige Unterstützung stärken eine Infrastruktur, die auch nach dem Festival noch trägt.
Wenn euch Equipment, Transport oder Lagerflächen fehlen, müsst ihr nicht alles neu kaufen. Geteilte Infrastruktur spart Geld und Ressourcen. In Koblenz unterstützt Latscho genau solche Ansätze mit Veranstaltungstechnik, Mobilitätslösungen und praktischer Infrastruktur für die freie Szene. Entscheidend bleibt: Plant Verleih, Versicherung, Transport und Rückgabe verbindlich ein. Solidarität heißt auch, geliehenes Material so zurückzugeben, dass die nächste Initiative damit arbeiten kann.
Barrieren nicht nachträglich reparieren
Barrierefreiheit ist kein Extra für den Fall, dass jemand danach fragt. Sie beginnt bei der Ortswahl. Gibt es stufenlose Zugänge? Nutzbare Toiletten? Genug Licht auf Wegen? Sitzmöglichkeiten? Einen Rückzugsraum? Wie kommen Menschen ohne Auto hin und nachts wieder weg? Ein Festival auf einem schwierigen Gelände kann trotzdem stattfinden – aber dann braucht es ehrliche Kommunikation und konkrete Lösungen statt eines vagen Satzes wie „leider nicht barrierefrei“.
Veröffentlicht relevante Informationen früh und klar: Anreise, Bodenbeschaffenheit, Zugänge, Toiletten, Lautstärke, Stroboskop, Sitzplätze, Begleitpersonen, Assistenzhunde und Kontaktmöglichkeiten für individuelle Fragen. Vermeidet Fachsprache und versteckte Hinweise in Grafiken. Informationen müssen auffindbar sein, auch auf dem Handy.
Zugänglichkeit betrifft ebenso Sprache und Atmosphäre. Sind Ansagen verständlich? Gibt es einen klaren Lageplan? Wissen alle Crewmitglieder, an wen sie Menschen bei Fragen verweisen können? Gerade kleine Maßnahmen haben Wirkung: eine ausgeschilderte ruhige Ecke, kostenlose Ohrstöpsel, Wasserstellen, ein klarer Treffpunkt und Menschen, die nicht nur kontrollieren, sondern ansprechbar sind.
Awareness braucht Mandat, Raum und Rückhalt
Ein Awareness-Konzept ist keine Versicherung gegen Konflikte. Es ist eine Verabredung darüber, wie ihr handelt, wenn Grenzen verletzt werden. Dafür braucht das Team ein klares Mandat: Es muss ansprechen, begleiten, Personen des Geländes verweisen und bei Bedarf externe Hilfe holen dürfen. Wenn bei jedem Vorfall erst diskutiert wird, ob jemand „es wirklich so gemeint hat“, werden Betroffene allein gelassen.
Besetzt Awareness-Schichten nicht einfach mit Menschen, die ohnehin schon überall mitarbeiten. Diese Aufgabe ist emotional fordernd und braucht Pausen, Rückzugsmöglichkeiten und feste Ansprechpersonen. Klärt vorab, wie dokumentiert wird, wann Security eingebunden wird und was bei Bedrohung, Gewalt oder medizinischen Notfällen passiert. Security kann sinnvoll sein, ersetzt aber keine parteiliche Unterstützung für Betroffene.
Kommuniziert Regeln sichtbar, ohne den Ton einer Hausordnung zu kopieren. Ein klarer Satz ist besser als ein Absatz voller Ausnahmen: Diskriminierung, Belästigung und Übergriffe werden nicht toleriert. Wer Unterstützung braucht, findet das Awareness-Team an diesem Ort oder unter dieser Nummer. Das Team muss dann auch tatsächlich erreichbar sein.
Die Crew ist keine unsichtbare Maschine
Gute Festivals leben von Menschen am Einlass, hinter der Bar, am Mischpult, beim Auf- und Abbau und im Hintergrund. Behandelt sie entsprechend. Schichten brauchen realistische Längen, klare Übergaben, Essen, Wasser, Pausen und eine Kontaktperson, die Entscheidungen treffen kann. Wer sechs Stunden allein an einer lauten Kasse sitzt, hilft nicht freiwillig aus Freude an der Gemeinschaft, sondern wird oft schlicht verheizt.
Erstellt einen Ablauf, der nicht nur Bühnenzeiten enthält. Darin stehen Anlieferung, Soundchecks, Schichtwechsel, Müll, Kassenübergabe, Notfallkontakte, Nachtfahrten und Abbau. Lasst Raum für Puffer. Ein zu eng getakteter Plan verlagert jede Verzögerung auf die Menschen, die ohnehin am meisten leisten.
Solidarische Planung bedeutet außerdem, Konflikte innerhalb der Orga ernst zu nehmen. Legt fest, wie Entscheidungen getroffen werden und wer bei Uneinigkeit vermittelt. Konsens kann sinnvoll sein, aber nicht jede Kleinigkeit muss in endlose Plena. Für manche Bereiche braucht es klar benannte Verantwortliche. Transparenz und Zuständigkeit schließen sich nicht aus.
Nach dem Festival beginnt die nächste Runde
Der Abbau ist kein Nachgedanke. Plant ihn mit derselben Sorgfalt wie den Einlass: genug Leute, Werkzeug, Mülltrennung, Rückgaben, Fahrten und einen Zeitpunkt, an dem wirklich Schluss ist. Wer am Ende allein zwischen Pfandbechern und Kabeln steht, wird beim nächsten Mal schwer zu mobilisieren sein.
Holt danach Rückmeldungen ein, auch von Menschen, die nicht Teil eures Kernteams waren. Fragt konkret nach Zugänglichkeit, Stimmung, Gagen, Kommunikation, Awareness und Arbeitslast. Nehmt Kritik nicht als Angriff auf eure guten Absichten. Sie zeigt, wo euer Festival für andere anders war als für euch.
Dokumentiert, was funktioniert hat: Kontakte, Zeitpläne, Budgetposten, Materiallisten und Entscheidungen. Dieses Wissen gehört nicht in private Chats einzelner Personen. Wenn es geteilt wird, können neue Menschen Verantwortung übernehmen und andere Kollektive müssen nicht bei null anfangen.
Ein solidarisches Festival wird nie widerspruchsfrei sein. Vielleicht reicht das Geld nicht für alles, vielleicht ist der Ort nur teilweise zugänglich, vielleicht fehlt euch Erfahrung. Entscheidend ist, diese Grenzen nicht zu verstecken, sondern gemeinsam daran zu arbeiten. Fangt bei der nächsten konkreten Entscheidung an: Wen entlastet sie, wen schließt sie aus – und was können wir heute anders organisieren?
