Ein Solikonzert kann einer Initiative Luft zum Atmen geben, Prozesskosten auffangen, ein selbstorganisiertes Projekt retten oder konkrete Unterstützung finanzieren. Damit das gelingt, müsst ihr euer Solikonzert richtig kalkulieren. Nicht, weil Solidarität nach Excel riechen soll, sondern weil jede unterschätzte Rechnung am Ende Geld frisst, das eigentlich beim Solizweck landen sollte.
Der häufigste Fehler lautet: „Die Bands spielen gegen Spende, der Laden ist voll, das wird schon.“ Vielleicht. Aber Raummiete, Technik, GEMA, Fahrtkosten, Security, Druck und Pfandverluste verschwinden nicht, nur weil alle es gut meinen. Eine ehrliche Kalkulation schützt das Orga-Team, die auftretenden Künstler:innen und die Initiative, für die ihr arbeitet.
Erst den Solizweck und das Spendenziel festlegen
Bevor ihr Preise rechnet, klärt: Wohin soll das Geld genau gehen? „Für eine gute Sache“ mobilisiert deutlich schlechter als ein konkretes Ziel. Geht es um die Finanzierung einer Beratungsstelle, antifaschistische Prozesskosten, medizinische Hilfe, den Erhalt eines Freiraums oder um Unterstützung nach einem rechten Angriff? Benennt die Lage so klar, wie es für die betroffenen Menschen sicher und sinnvoll ist.
Dann setzt ihr ein realistisches Ziel. Rechnet dabei nicht einfach: „Wir wollen 2.000 Euro sammeln.“ Rechnet rückwärts: Wie viel muss nach allen Kosten übrig bleiben? Wenn 2.000 Euro beim Solizweck ankommen sollen und eure Veranstaltung voraussichtlich 900 Euro kostet, müsst ihr mindestens 2.900 Euro einnehmen. Besser plant ihr einen Puffer von 10 bis 15 Prozent ein. Eine kaputte Kabeltrommel, ein zusätzlicher Transport oder ein geringerer Vorverkauf dürfen nicht den ganzen Abend kippen.
Legt außerdem früh fest, was bei einem Überschuss passiert. Geht alles an den angekündigten Zweck? Wird ein Teil für Folgeveranstaltungen oder die Infrastruktur zurückgelegt? Beides kann legitim sein – aber nur, wenn ihr es vorher transparent kommuniziert. Soli heißt nicht, dass Kulturarbeit kostenlos sein muss. Wer dauerhaft Räume, Technik und Menschen ausbrennt, hilft niemandem.
Solikonzert richtig kalkulieren: Alle Kosten auf den Tisch
Eine brauchbare Kalkulation beginnt mit einer vollständigen Kostenliste. Trennt fixe Kosten von Ausgaben, die erst mit der Besucher:innenzahl steigen. So erkennt ihr, welchen Mindestumsatz ihr wirklich braucht.
Zu den fixen Kosten zählen meist Raum- oder Clubmiete, Technikmiete, Transport, Honorare für Ton und Licht, GEMA, Genehmigungen, Versicherung, Werbung, Druck, Deko, Unterkunft und Verpflegung. Auch Aufwandsentschädigungen für Bands gehören in diese Rechnung, wenn sie vereinbart sind. „Soli“ darf kein Code dafür sein, dass Musiker:innen ihre Anfahrt und ihr Essen selbst bezahlen müssen.
Variable Kosten entstehen etwa durch Getränkeinkauf, Pfand, Ticketgebühren, Catering oder Verbrauchsmaterial. Wenn ihr eine Bar betreibt, rechnet nicht nur mit dem Verkaufspreis. Kalkuliert Einkauf, Becher, Eis, Personal, Kartenzahlungsgebühren und mögliche Reste ein. Ein hoher Umsatz an der Theke ist nicht automatisch ein hoher Überschuss.
Praktisch ist eine einfache Tabelle mit vier Spalten: Posten, geschätzte Kosten, tatsächliche Kosten und Bemerkung. Schreibt auch Kleinkram rein. Gaffa, Batterien, Kabeladapter, Plakatkleister, Fahrer:innen-Essen und Taxifahrten wirken einzeln überschaubar, summieren sich aber schnell. Wenn ihr Equipment aus dem Netzwerk leiht, notiert seinen normalen Mietwert zumindest intern. So seht ihr, welche solidarische Infrastruktur die Veranstaltung überhaupt möglich macht.
Mit Sachspenden ehrlich umgehen
Kostenloser Raum, geliehene Anlage oder gespendete Getränke sind riesige Entlastungen. Trotzdem solltet ihr sie nicht als selbstverständlich behandeln. Fragt verbindlich nach, was übernommen wird und was nicht. Ist die Reinigung inklusive? Wer haftet bei Schäden? Gibt es Personal vor Ort? Muss der Kühlanhänger vollgetankt zurück? Unklare Absprachen werden besonders dann unangenehm, wenn nach einem langen Abend noch Kassenstände fehlen.
Den Ticketpreis nicht aus dem Bauch festlegen
Der Mindestticketpreis ergibt sich aus einer einfachen Rechnung: Gesamtkosten plus gewünschte Solisumme, geteilt durch die realistische Zahl zahlender Gäste. Realistisch heißt nicht: maximale Kapazität. Wenn 200 Menschen in den Raum passen, aber bei vergleichbaren Abenden 110 kommen, kalkuliert mit 90 bis 110 zahlenden Personen.
Beispiel: Eure Kosten liegen bei 1.000 Euro, und 1.500 Euro sollen gespendet werden. Bei 125 zahlenden Gästen braucht ihr im Schnitt 20 Euro pro Person. Das bedeutet nicht zwingend einen Einheitspreis von 20 Euro. Gerade bei Soli-Abenden kann ein solidarisches Preismodell besser passen: etwa 10 bis 20 Euro nach Selbsteinschätzung, mit einem empfohlenen Preis von 15 Euro. Wer mehr geben kann, trägt Menschen mit wenig Geld mit.
Ein Soli-Preis darf aber nicht zur sozialen Zugangssperre werden. Prüft, ob es einen kleinen Unterstützungsfonds, Freikarten für Betroffene oder eine klare „Niemand wird wegen Geld abgewiesen“-Regel geben kann. Das funktioniert nur, wenn ihr es organisatorisch absichert: etwa durch eine Person an der Kasse, die diskret entscheidet, statt durch Rechtfertigungsrunden vor anderen Gästen.
Vorverkauf hilft, Risiken zu senken. Er gibt euch einen frühen Eindruck, ob die Rechnung aufgeht, und bringt Geld vor dem Veranstaltungstag. Rechnet aber mögliche Gebühren ein. Abendkasse bleibt wichtig, besonders für Menschen, die spontan kommen oder keinen digitalen Ticketzugang nutzen. Kommuniziert beide Optionen verständlich und ohne künstlichen Verkaufsdruck.
Einnahmen breiter denken als Eintritt
Ein Solikonzert trägt sich selten allein über Tickets. Eine gut organisierte Bar, veganes Essen, Soli-Merch, ein Siebdruckstand oder direkte Spenden können den Unterschied machen. Entscheidend ist, dass ihr diese Einnahmen nicht doppelt verplant. Wenn Getränkeeinnahmen den Raumbetrieb finanzieren sollen, können sie nicht gleichzeitig vollständig als Spende gerechnet werden.
Direkte Spenden funktionieren besonders gut, wenn klar ist, warum sie zusätzlich gebraucht werden. Stellt eine gut sichtbare Spendenbox auf, bietet bargeldlose Möglichkeiten an und erinnert zwischen den Acts kurz, konkret und respektvoll an den Zweck. Kein schlechtes Gewissen als Verkaufstechnik. Eine klare Ansage reicht: Was kostet der Abend, was soll finanziert werden, wie können Menschen mehr beitragen?
Wenn ihr Fördermittel, Sponsorings oder Unterstützung aus solidarischen Netzwerken einplant, behandelt sie erst als sichere Einnahme, wenn eine Zusage vorliegt. Mündliche Signale und „wir schauen mal“ sind kein Budget. Für lokale Kollektive kann es sinnvoll sein, Infrastruktur früh gemeinsam zu organisieren. Latscho Koblenz unterstützt genau dort, wo ein Projekt sonst an fehlender Technik, Transport oder organisatorischen Ressourcen scheitert.
Kasse, Verantwortung und Transparenz organisieren
Die beste Kalkulation bringt nichts, wenn am Ende niemand nachvollziehen kann, was passiert ist. Bestimmt mindestens zwei Personen für die Kasse und dokumentiert den Startbestand, Ticketverkäufe, Barumsatz, Ausgaben und Endbestand. Bei einem größeren Abend sollten Kasse und Abrechnung nicht allein bei einer Person liegen. Das ist kein Misstrauen, sondern Schutz für alle Beteiligten.
Trennt nach Möglichkeit Ticketkasse, Bar und Spenden. Beschriftete Kassen, getrennte Wechselgelder und ein gemeinsamer Kassensturz nach Ende der Veranstaltung verhindern Chaos. Bewahrt Belege auf, auch bei kleinen Ausgaben. Falls ihr als Verein arbeitet, klärt vorher, wie Spendenquittungen, Einnahmen und Ausgaben buchhalterisch behandelt werden müssen. Bei Unsicherheit lohnt sich eine kurze Beratung, bevor ihr etwas ankündigt, das ihr formal nicht erfüllen könnt.
Nach dem Konzert gehört eine Abrechnung zur politischen Glaubwürdigkeit. Ihr müsst nicht jede einzelne Getränkekiste öffentlich auflisten. Aber veröffentlicht zeitnah die relevanten Zahlen: Einnahmen, gedeckte Kosten, gespendeter Betrag und Empfänger:in. Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, sagt das offen. Wenn mehr zusammenkam als erwartet, zeigt, was damit geschieht. Transparenz schafft Vertrauen für den nächsten Abend – und sie macht sichtbar, dass Soli keine Pose ist.
Plan B rechnen, bevor etwas schiefgeht
Rechnet mindestens drei Szenarien durch: schlecht besucht, realistisch besucht und voll. Im schlechten Szenario sollte klar sein, welche Kosten noch vermeidbar sind und wer welche Entscheidung treffen darf. Vielleicht könnt ihr Deko kleiner halten, keine zusätzliche Technik buchen oder ein Catering anders planen. An Bandhonoraren, Fahrtkosten oder Barrierefreiheit zu sparen, nachdem ihr sie zugesagt habt, ist dagegen ein mieser Plan B.
Denkt auch an Ausfälle. Was passiert bei Krankheit einer Band, Wetterproblemen bei einer Outdoor-Veranstaltung, einem kurzfristigen Raumverlust oder antifeministischen, rassistischen und rechten Störungen? Ein Awareness-Konzept und klare Zuständigkeiten sind Teil der Kalkulation, weil Sicherheit Ressourcen braucht. Plant Personal, Kommunikationswege und gegebenenfalls zusätzliche Kosten mit ein. Ein solidarischer Abend muss nicht nur Geld weitergeben, sondern auch ein Ort sein, an dem Menschen sich sicher bewegen können.
Am Ende ist eine gute Solikonzert-Kalkulation keine Bremse für DIY-Kultur. Sie schafft die Grundlage dafür, dass aus Haltung wirksame Unterstützung wird. Rechnet klar, kommuniziert offen und behandelt die Arbeit aller Beteiligten mit Respekt – dann kann aus einem lauten Abend genau die Hilfe werden, die gerade gebraucht wird.
